30 listopada 2015

SPIEGEL-Brief

Sehr geehrter Herr Pascal Alter!

Am kommenden Montag beginnt in Paris die Uno-Klimakonferenz. Die Erwartungen sind gewaltig: Die 196 Teilnehmerstaaten sollen sich endlich einigen - wenn sich auch nur ein Land einem Klima-Abkommen verweigert, ist fast alles nichts. Und weil das Spannendste an einem solchen Gipfel die Vorbereitungen sind, widmet der SPIEGEL diesem Vorbereitungsmarathon eine große Geschichte. Das Stück ist lang, die Materie kompliziert, die Lektüre anstrengend. Aber sie lohnt sich. Denn hinterher versteht man alles, was aus Paris gemeldet werden wird. Klimakonferenzen, sagt Seyni Nafo, der Sprecher der Afrikaner, sind wie Denksportaufgaben: Es geht um Taktik und Strategie, um Geschick, um Glück - und darum, wer dem Zeit- und Erwartungsdruck am besten standhält.

Seit den Terroranschlägen von Paris wird im Westen von Krieg und Vergeltung gesprochen. Wie geht eine Gesellschaft mit Menschen um, die ebendiese Gesellschaft zerstören wollen? Vielleicht hilft es, sich an ein paar Grundsätze unseres Rechtsstaats erinnern zu lassen, beispielsweise von dem Schriftsteller Ferdinand von Schirach, der zugleich Strafverteidiger ist. Schirach hat das Theaterstück "Terror" geschrieben, es ist hochaktuell. Im Kulturteil ist deshalb ein Auszug zu lesen. Der Rechtsstaat, schreibt Schirach in seiner Einleitung, muss sich an seine eigenen Regeln halten, nur dadurch erweist sich seine Wehr- und Wahrhaftigkeit. Schirach zitiert Benjamin Franklin: "Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren."

Übernächsten Sonntag findet in Frankreich die erste Runde der Regionalwahlen statt. Die Chancen des Front National waren vor den Terroranschlägen gut, jetzt sind sie möglicherweise noch besser. Aber was bedeutet es, dass der FN längst zur Volkspartei geworden ist? Amalia Heyer, die Paris-Korrespondentin des SPIEGEL, hat Marine Le Pen, die FN-Chefin, mehrere Monate lang begleitet. Le Pen gleiche einer Rachegöttin, schreibt sie, die sich aus den Versäumnissen der anderen Parteien nähre und an deren Versagen wachse. Es gibt Zitate, Szenen, Absätze in diesem Porträt, die einen frösteln lassen.

Profiboxen, schreibt mein Kollege Gerhard Pfeil, sei ein Milieu, in dem Sport und Unterwelt oft miteinander verschmelzen. An seiner Geschichte mit der sehr schönen Überschrift "Wegpusten, bäng" gefällt mir am besten, dass sie fast alle Vorurteile über das Profiboxen bestätigt. Es treten auf: ein libanesischer Autohändler, ein Kugelschreiber mit eingebauter Kamera, ein Geldkoffer, eine rätselhafte Panama-Connection; es geht um Felix Sturm, den Boxer, um einen Promoter, um einen möglicherweise gekauften Titel, um einen angeblichen Mordauftrag. Im Kern geht es natürlich um Männerehre, um Stolz, um Respekt: darum, was einen Mann von einem Lutscher unterscheidet.

Viel Spaß bei der SPIEGEL-Lektüre wünscht Ihnen

Ihr Hauke Goos
SPIEGEL-Redakteur

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