Sehr geehrter Herr Pascal Alter!
Am 22. Januar 1973 fällte der Oberste Gerichtshof der USA ein bahnbrechendes Urteil: Mit 7:2 Stimmen entschied er, die Grundrechte schlössen das Recht der Frau ein, in den ersten Monaten über den Abbruch einer Schwangerschaft frei zu entscheiden – Abtreibungen waren in den Vereinigten Staaten nicht mehr verboten. Die Grenzen dieser Entscheidung werden jedoch immer wieder ausgetestet, manche Bundesstaaten machen es schwangeren Frauen schwer, ihr Recht in Anspruch zu nehmen. Claas Relotius erzählt die Geschichte des Arztes Willie Parker, der als letzter Mediziner im Bundesstaat Mississippi Abtreibungen vornimmt. Der Streit um Abtreibung ist in Amerikas ärmstem Bundesstaat eine erbitterte Auseinandersetzung, die Regierung will Schwangerschaftsabbrüche verbannen und erlässt ständig neue Vorschriften, die in Wahrheit Hürden sind. Jede Woche hilft Parker Dutzenden Frauen, mehr als 2000 werden es wohl dieses Jahr sein, weil er das für seine Pflicht hält. Auch Morddrohungen halten ihn nicht ab. Dabei hatte sich der Gynäkologe lange Zeit geweigert, Abtreibungen vorzunehmen – er hatte "vor Gott nichts Falsches tun wollen".
Ich habe vor einiger Zeit ein Porträt über den Tennisprofi Novak Djokovic geschrieben, der in seiner Heimat Serbien ein Volksheld ist. Damals war ich in Belgrad zum Abendessen in einem Restaurant, das Djokovic gehört und in dem glutenfreie Gerichte auf der Karte standen. Ich bestellte Tagliate, dünn geschnittenes Fleisch, mit drei Sorten Pilzen. Gluten ist ein Protein, es steckt reichlich in Weizen, aber auch in Roggen, Dinkel und Gerste. Djokovic hatte oft an Bauchschmerzen und Atemnot gelitten, bis er seine Ernährung auf eine glutenfreie Diät umstellte. Er wurde die Nummer eins der Weltrangliste und ist seitdem auf einer Mission: Sogar sein Hund kriegt nur noch glutenfreies Futter. Mein Kollege Manfred Dworschak beschreibt in dieser Woche, dass "glutenfrei" mittlerweile das Zauberwort für alle geworden ist, die aufs Essen achten. Man bekommt heute glutenfreie Nudeln und Schokokuchen im Supermarkt, in Deutschland wurde mit glutenfreien Produkten im vergangenen Jahr ein Umsatz von rund 210 Millionen Euro gemacht, in Spanien gibt es bei McDonald's glutenfreie Burger. Dabei ist nur höchstens ein Prozent der Bevölkerung von einer Zöliakie betroffen, es ist ein Hype entstanden, befeuert von Prominenten wie Lady Gaga und Claudia Schiffer. In Büchern wird Gluten oft verteufelt als Ursache für Haarausfall und Fettleibigkeit, aber die Dämonisierung des Proteins ist vor allem eins: ein verlockendes Geschäft. Die Tagliate in Djokovics Restaurant waren übrigens ganz lecker, aber nach zwei Stunden hatte ich wieder Hunger.
Ich habe das Buch "Fifty Shades of Grey" nicht gelesen, irgendwie hatte ich die Vermutung, dass mir die Lektüre mehr Schmerzen als Lust bereiten würde. Die Studentin Anastasia Steele und der Milliardär Christian Grey haben Sadomaso-Sex in diesem Erotik-Bestseller, den weltweit an die 100 Millionen Menschen gekauft haben, der Fanclubs hervorgebracht und Debatten über Gleichstellung und Feminismus ausgelöst hat. Nun kommt die Verfilmung ins Kino, kommende Woche feiert sie Weltpremiere auf der Berlinale. Die Spanner können es kaum erwarten. Philipp Oehmke aus dem Kultur-Ressort schreibt über die britische Regisseurin Sam Taylor-Johnson, die zuvor erst einen Kinofilm gemacht hatte. Sie musste sich mit der Drehbuchautorin herumplagen, die inzwischen angeblich kein Wort mehr mit ihr spricht. Sie musste mit der mächtigen Chefin des Universal-Studios klarkommen, aber vor allem mit der Buchautorin E. L. James, die ein komplettes Mitspracherecht bei Besetzung, Ausstattung und Kostümen besaß und offenbar genaue Vorstellungen davon hatte, wie Taylor-Johnson ihre Einstellungen drehen sollte. Kein Journalist und kein Testpublikum hat den Film bislang gesehen, das lässt nichts Gutes vermuten. Wird bestimmt trotzdem ein Renner.
Viel Spaß bei der SPIEGEL-Lektüre wünscht Ihnen
Ihr Maik Großekathöfer
SPIEGEL-Redakteur
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